Neujahrstag 2026
So. Jetzt ist es angebrochen. Das neue Jahr. So, wie die Packung mit den Kaffee-Pads. Oder eine Schachtel Zigaretten. Obschon ich das Rauchen aufgegeben habe, ist es doch immer noch manchmal ein Thema in meinem Geiste. Dann stelle ich mir vor, wie glorreich es war, zu rauchen, in Kneipen zu sitzen, Vodka zu trinken und zu rauchen. Schachtelweise. Aber weil ich in mir drin weiß, insgeheim, wie schädlich das ist und außerdem, wie nervig es ist, sämtliche Kleidungsstücke bereits im Eingangsbereich des Gründerzeithauses abzulegen, weil es einfach so sehr nach Rauch stinkt, das Rauchen, bleiben es Gedankenspiele. Denn nichts ist heroisch daran. Das weiß mittlerweile auch der gute alte Marlboro Mann.
Der berühmteste Darsteller des Marlboro Mannes war wohl Wayne McLaren, der diese Figur 1976 in einer Werbekampagne spielte. Nach langjährigem und starkem Zigarettenkonsum starb er 1992 im Alter von 51 Jahren an Lungenkrebs. Bereits 1987 war der Darsteller David Millar an einem Lungenemphysem gestorben. 1995 starb der Schauspieler und Marlboro Man David McLean an den Folgen des Rauchens. Eric Lawson, Darsteller in Anzeigen zwischen 1978 und 1981, starb am 10. Januar 2014 im Alter von 72 Jahren an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung.
Wenn in dieser Welt die Marlboro Männer reihenweise an Krebs, mutmaßlich durch Zigarettenkonsum verursacht, sterben, dann kann da nichts Gutes dran sein. Nein zum Rauch.
Der 31.12. war ein entspannter Tag. Die Sonne schien sogar ein kleines bisschen, es war ungefähr 0 Grad warm und auch meine Dachgeschosswohnung, obgleich oft kühl, konnte mit der Situation umgehen. Gegen Abend war ich bei Freunden zu Gast, es gab Raclette und ich aß sehr viel. In diesen winzigen Pfannen sammelten sich allerlei Dinge an, und da man über Stunden hinweg isst, was mich aber nicht davon abhielt, wie ein Berzerker in mich hinein zu schaufeln, als ob es kein Morgen (HA! Es gibt ja auch keinen Tag nach dem 31.12., denn es ist der letzte Tag) gäbe, nach Stunden des Verzehrs, war mein Körper sichtlich überfordert mit der Situation und versuchte, sich abzuspalten. Ich hatte auch noch ein Helles. Helles Bier in meinem Bauch, gepaart mit stundenlanger Völlerei, kann zu einem Supergau werden. Und dann stand plötzlich diese Flasche Sambuca da, wahrscheinlich für „die Verdauung“. Ich überlegte noch, ob nicht jedes Land eine Art Sambuca (Deutscher Küstennebel, alles mit Anis oder Kümmel) besäße und versuchte, die anderen Gäste von dieser Idee zu überzeugen, aber da war es nach vier Runden Knack (ein Kartenspiel) bereits 0 Uhr und wir mussten hinaus. Hinaus in diese Welt. Diese Welt, die mir mit diesen Böllern so fremd geworden ist. Obwohl ich verstehe, dass wir hier und da, hin und wieder, einfach auch Geister vertreiben müssen, kenne ich doch meine eigenen Dämonen nur zu gut.
Ich hatte gestern keinen einzigen Silvesterknaller in der Hand. Aber die Kinder waren zufrieden. Ich hatte dort auch das Gefühl, es sei deutlich weniger geworden. Aber ich kann mich gut auch irren. Denn zu dieser Zeit hatte ich drei Helle, vier 4 cl Sambuca und allerlei verzehrenden Unrat in mir.
Gegen 2 Uhr nachts neigte sich auch dieser überlange letzte Tag des Jahres dem Ende zu. This is the End hörte ich Jim noch singen, während ich eine Nacht des Betrunkenseins mit sehr viel Mahlzeit in mir durchlebte. Ein Völlegefühl sondersgleichen. Und überlebte.
Ziemlich neben mir versuchte ich heute Morgen, am allgemeinen Leben teilzunehmen. Viel mehr als einen Kaffee und etwas Konversation konnte ich aber nicht bieten. Und doch gefällt es mir manchmal recht gut. So verlebt zu sein. Sich zu erden. Es darf natürlich nicht zu schlimm sein. Wenn man sich übergeben muss, dann ist das keine gute Idee. Aber wenn man so ein bisschen verlebt ist, einen schönen Abend mit Freunden hatte und dann etwas vor sich hin darbt am nächsten Tag, dann ist das Leben gut, meine Damen und Herren. Leben! Später waren wir gegen 11 Uhr unseren Neujahrsspaziergang vollführen. Es war sehr windig. Viel kälter, als es das Thermometer mit seinen 1 Grad hat ahnen lassen. Aber durch den Wind, der hier und da durch die Bäume zurrte und über Wiesen galoppierte, war es gefühlt deutlich kühler. Und so spazierten wir ca. zwei Stunden durch die brachliegende Natur, alles war grau, kalt, windig und verbraucht. Dazu gesellten sich dereinst stolze Raketenstöcker und Böllergranatenkisten, jetzt umgekippt und ausgebrannt im Rinnstein. „So ausgebrannt wie meine Seele“, dachte ich. Aber nicht heute. Heute schöpfe ich Kraft und Freude aus der Vergänglichkeit meiner selbst, erfahren durch den Alkohol-Kater des Silvesterabends.
Ganz genau. Die gefühlte Kälte der Menschen.
Später fuhr ich, wieder bei Kräften – man weiß gar nicht, wie viel Energie so ein Spaziergang zurückgeben kann –, zu meinem Freund Helge. Das tue ich jeden Neujahrstag seit 2012. Es ist hierbei wie bei Johnny Hills „Blumen für Mutti“: Am Ende besuche ich Helge nämlich auf einem kleinen Landfriedhof in Eschenbergen. An einem Hügel gelegen, ist es immer ein bisschen Morgendämmerung, und oft stibitzen sich Sonnenstrahlen übers Feld, wenn ich dort bin. Und immer herrschen Kälte, Wind und Sturm. Helge Knoll starb Silvester 2012 an Krebs, nur 32 Jahre alt geworden, und so zolle ich ihm Tribut.
Jetzt programmiere ich gerade etwas auf GitHub, und im „Radio“ läuft dieser eine 80s-Darkwave-Song, den ich gleich noch mal nachschlagen muss, weil er oft läuft, nichts Besonderes ist und mich dennoch immer aufhorchen lässt. Ich werde ihm auf die Schliche kommen.
Es ist der Song Blind Vision von der Gruppe Blancmange. Die Langversion des Songs ist absolut radiountauglich, sie dauert nahezu 10 Minuten, und ich liebe alles daran. Fast schon progrock-mäandernd.
Hallo 2026, ich bin gespannt, was ich aus dir machen werde.
(Übrigens hat mich der Hulot in seinem aktuellen Blogbeitrag erwähnt, und ich liebe es. Es macht mich auch ein bisschen stolz. Wissen Sie? Der Hulot kann richtig gut schreiben, und wenn er mich liest und manchmal sogar erwähnt, dann macht mich das eben stolz. An dieser Stelle möchte ich auch noch einen Lesetipp für das Hosentaschenblog und diesen Beitrag aussprechen. Außerdem wünsche ich mir, dass Piehnat wieder bloggt, weil er Bock darauf hat.)