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Schneewalzer (long post)

Wie betrunken fühlte sich der junge Mann, als er die schneebedeckte Straße entlang ging. Eigentlich war es nur ein Weg und betrunken war er auch nicht, aber durch die vielen Mütter, die da mit ihren Kindern am Nachmittag nebst Schlitten die Strecke in eine Eisrodelbahn verdichtet hatten, sorgten für den leichten Überhang nach links oder rechts.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschrängt, er hatte mal gelesen dies stehe für Zufriedenheit und würde den Rücken entlasten, aber nur bis zur nächsten Eisstelle. Mit dem linken Fuß rutschte er weg, konnte sich aber durch seine katzenschwanzähnliche Armrührbewegung auf den Beinen halten und fiel nicht der länge nach hin.

Fortan unterbrach er das rückenliche Armfalten um einen etwaigen Sturz besser abfangen zu können. Er liebte solche Spaziergänge, deshalb auch heute, ca. 10 Km ging er durch die früh anbrechende Januar-Nacht mit ihren Eiszapfen und der Helligkeit. Da die Wintermonate so dunkel waren, liebte er diese hellen Schneenächte.

Er nahm sich die Zeit gern - in einer Welt die aus dem sogenannten Information-Overload besteht. Immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit, gepaart mit unentwegtem Empfang unterwegs. "Die Filter fehlen", dachte er sich. "Das macht die Menschen irre. Informationen schön und gut, aber wem kann man glauben. Wer ist gut? Wer ist schlecht. Und worum geht es am Ende eigentlich überhaupt?"

Er hat das Smartphone deshalb explizit nicht mitgenommen, "ein kurzer Moment des digitalen Entschleunigens" dachte er. Und wenn er sich jetzt bei dieser Glätte beide Beine brechen würde, wem könne er bescheid sagen ohne Handy? Niemandem! Ganz klar. Denn unser Protagonist ist tapfer und vor der Tür durch Glätte zu verenden, das gehört nicht zu seinen Ablebensplänen. Hat eigentlich wirklich jeder Mensch solche Ablebenspläne? Wie das ganze mal ablaufen wird. Er hatte sogar eine Funeral-Playlist auf Spotify, alle Songs die er besonders traurig fand wollte er zur seiner Beerdigung laufen lassen, einfach nur damit auch wirklich alle mit Leonard Cohen und anderen trübtraurigen Songs gequält dem Ende entgegen sehnen. "Aber ginge das überhaupt?" 9h Todesplaylist zur Beerdingung? Das wäre ja länger als eine Disconacht von 23 - 4 Uhr. Wow!

Disconächte sind für ihn mittlerweile genau so abwägig wie diese neunstündige Playlist mit traurigen Songs zu seinem Ableben. Aber solche Gedanken kamen ihm immer, wenn er erst mal mit sich allein war. Wenn er draußen durch den Schnee stapfte, völlig allein, nicht mal Musik hatte er im Ohr. Bis vor kurzem noch trug er bei jedem Schritt Kopfhörer.

Die Welt ausschalten, wie ein Schutzschild.

war das für ihn. Aber dann las er irgendwann darüber, wie Kopfhörer und der - so nahe am Trommelfell sitzende - Schall schlecht fürs Gehör seien und er gewöhnte es sich langsam ab. Wie mit dem Rauchen. Das war hart. Wesentlich härter als die Kopfhörer. Aber im Grunde auch nur eine langsame Abgewöhnung. Mittlerweile war er ziemlich weit gekommen, ihm war auch gar nicht mehr kalt, durch die fortdauernde Bewegung war er warm geworden. Und er rutschte auch nur noch 4 mal fast völlig aus, konnte sich aber jedes mal wieder fangen.

Irgendwann unterwegs, im Wald, dunkel aber durch den Schnee doch hell, kam ihm eine Frau entgegen und er fragte sich, wie er sich wohl sinnvoll verhalten könnte, damit er keine Angst verbreite. So als Mann, nachts... aber ihm fiel nichts Gutes ein.

💡
Schneewalzer ist mein erster long post (hier) hier im neuen CMS. Darüber werde ich drüben noch ausführlicher schreiben.