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Schreiben und scheitern (long post)

Wie gebannt sah er auf das weiße Blatt Papier vor sich. "So viele Möglichkeiten, so wenig Ideen" wie man anfangen könnte. Und er fand das ziemliches Blabla, dieses "Hey, es geht etwas Neues los, das ist eine Chance - diesdas", Allgemeinplätze waren nicht unbedingt seine Haltestellen (!sic). Er wollte eher Mut zur Dunkelheit propagieren. Er hatte das neulich schon durchdacht, da war er allerdings wie auf Schlittschuhen unterwegs und seine Gedanken ob der Glätte hin und her gewürfelt. Kurzum, er kam zu keiner Erkenntnis.

Und dann sah er wieder auf dieses Blatt Blatt. Und das (Blatt Papier) ist für uns Leserschaft - wir durchbrechen jetzt einfach mal "die vierte Wand" [1] - eine Metapher, für ihn aber auch. Er war Schriftsteller. Und er wollte gern etwas schreiben. Aber er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Anzufangen hatte. Ihm fehlte es also nicht nur an einem Konzept, es fehlte ihm grundsätzlich schon an Ideen. Er saß also auch nicht wirklich vor einem weißen Blatt, sondern er saß an einer modernen Schreibmaschine. Modern meint ihr eine vollautomatische Kugelkopfmaschine von der IBM (so eine hier). Auf die er ziemlich stolz war, aber auch sie brachte keine Inspiration. "Von der IBM", wie das klang, wie eine freundliche Familie, wie dereinst bei VW oder Opel, im Zuge der verschiedenen Wirtschaftswunder der US-amerikanischen Marschallpläne, propagiert.

Er hatte noch einige andere Dinge auf seinem Schreibtisch. "Viel zu tun" eben. Und doch hatte er den gesamten Vormittag damit verbracht, über Dinge nachzudenken. "Dinge und Sachen" wie Elfriede immer sagte, wenn sie so ein allgemeines Nachdenken meinte. "So ein Nachdenken, mit dem man schon ein paar Stunden verbringen könnte". Er stand unter Druck. Einerseits wollte er schreiben, andererseits hatte er ohnehin weltliche Dinge zu erledigen und dann kam er zu beidem nicht. Er hielt das nur schlecht aus. Er rauchte. Ohhh, er rauchte viel. "Schornstein" nannten sie ihn manchmal. Weil er immer qualmte

Und dann kommt plötzlich diese Meldung rein, dass "die Firma Zalando ihre Pforten in Erfurt schließen wird und 2700 Mitarbeitende ohne Job dastehen werden" und er denkt: so ein schlechter Zeitpunkt! Die schlechten Nachrichten kommen derzeit so geballt, die politische Stimmung ist derzeit so schlecht und solcherlei Meldungen sind derzeit Wasser auf die Mühlen der Rattenfänger. Und damit meint er all jene, die vermeintlich leichte Antworten auf komplexe Fragen suchen. Die ihre gut ausgetretenen Pfade nicht verlassen wollen, die sich gegen Veränderung und Entwicklung streuben - und er weiß was das bedeutet: Eine Revolution, eine negative Revolution steht ins Haus. Aber keine mit Bomben und Raketen wie in der letzten Silvesternacht, sondern eine die von unten alles aushöhltt, eine Revolution der Stammtische und Redelsführer der Glühweinstände, der Verdrossenen und all derer, die sich ungerecht behandelt fühlen.
Und dabei denkt er darüber nach, wie gut es Günther Mülller doch geht, wie viel Wohlstand er hat und wie sicher er all die Jahre leben konnte und fragt sich, warum das leichtfertig aufgegeben wird. Wie man das so einfach wegschmeißen kann, aufgrund von gefühlter Zurücketzung.

Aber an diesem Vormittag findet unser Protagonist leider keine Antworten. Er hat nur den ganzen Tag verschlafen aber dabei keine neue Weltordnung geschaffen. Betrübt schenkt er sich aus dem großen Kristallglasschwenker eine Glas Whiskey ein. Billigster Fusel, aber immerhin mit Stil. Was auch sonst.

Er hob das Glas, betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit gegen das Licht, als ließe sich darin eine Antwort sedimentiert finden. Nichts. Nur Schlieren, Fingerabdrücke, der eigene Atem auf Kristall. Er trank trotzdem, langsam, fast zeremoniell, als müsse man dem Scheitern wenigstens Höflichkeit erweisen. Der Whiskey brannte nicht, er wärmte auch nicht. Er legte sich lediglich wie ein weiterer Gedanke zu vielen anderen.

Warum ist die Welt eine andere geworden. Warum herrscht diese Missgunst zwischzen den Menschen. Warum...

Die Schreibmaschine blieb stumm. Eine beleidigte Stille, die schwerer wog als jedes Klackern. Er legte die Hände auf die Tasten, nicht um zu schreiben, sondern um zu prüfen, ob sie noch da waren, ob er noch da war. Das Geräusch der Stadt drang gedämpft durch das Fenster: ein Bus, ein entferntes Hupen, Schritte auf nassem Asphalt. Er stellte fest, dass all diese Geräusche Geschichten waren. Nur nicht seine.

Er dachte an Verantwortung. An das große Wort, das so gern bemüht wird, wenn es darum geht, nichts Konkretes zu sagen. Verantwortung der Politik, der Wirtschaft, der Medien, der Schriftsteller. Seiner. Und er fragte sich, ob Schreiben nicht längst eine Form der Verdrängung geworden war, eine elegante Art, sich zu beschäftigen, während andere Entscheidungen trafen. Vielleicht war das der Grund für die Leere: dass jedes Wort sich wie eine Ausrede anfühlte.

Wie war das mit der Verantwortung des regierenden Oberbürgermeisters von Berlin, der gerade über seine Tennisstunde stürzte, weil er seine Bürger im Krisenfall allein gelassen hatte? Man müsse sich nicht wundern!

Elfriede hätte jetzt gelacht. Nicht spöttisch, eher mild. Sie hätte gesagt, dass man nicht anfängt, sondern weitergeht. Dass der Anfang eine Erfindung der Ungeduld sei. Er sah sie vor sich, wie sie mit der Hand eine unbestimmte Bewegung machte, diese typische Geste zwischen Abwinken und Ermutigen. Er nahm einen weiteren Schluck, als müsse er sich an diese Geste herantrinken.

Draußen begann es zu dämmern. Der Vormittag war längst verloren, der Tag kippte unbemerkt in den Nachmittag. Er dachte: Vielleicht ist das die Dunkelheit, von der ich rede. Nicht das Dramatische, nicht das Böse, sondern dieses sanfte, unaufgeregte Verschwinden von Zeit. Mut zur Dunkelheit hieße dann, genau hier zu bleiben, nicht wegzuschalten, nicht zu glätten.

Er schob ein frisches Blatt in die Maschine. Das Geräusch war entschieden, fast trotzig. Kein Manifest, kein Anfang, kein großes Wort. Er schrieb nur einen Satz. Einen, der nichts erklärte und nichts versprach. Einen Satz, der einfach da war.

Dann hielt er inne. Nicht zufrieden, aber auch nicht leer. Und das, dachte er, könnte fürs Erste reichen.

Fin


  1. Die "vierte Wand" ist eine imaginäre Barriere zwischen der fiktiven Welt einer Theaterbühne oder eines Films und dem Publikum, die die Illusion aufrechterhält, dass die Charaktere nicht wissen, dass sie beobachtet werden ↩︎

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Alle Geschichten des "Jungen Mannes" können sie hier weiter verfolgen.

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