Longpost

Hier findet ihr meine längeren Beiträge.


100Jumps.org

Ich bin eigentlich kein besonders guter oder häufiger Computerspieler, aber manchmal probiere ich schon etwas aus oder bleibe hängen. Ich habe damals DOOM 3 gespielt. Und fand es atmosphärisch großartig. Oder Wolf3D.exe :-) Ich fand es wichtig, die Welt zu befreien. Und dann war das auch wieder vorbei. Aber als Kind, noch auf unserem ersten 386er mit schwarz-weiß Monitor [1], da liebte ich Jump'n'Run Games. Ich habe ewige Zeit in Prince of Persia versenkt oder Commander Keen in fast allen Teilen begleitet. Auch Supaplex war lange Zeit gut. Oder der Selbstmord der Lemminge.

prince_of_persia_1_-ms-dos-_level_3

Screenshot des MS-Dos Klassikers Prince of Persia. Im Kampf mit dem Gerippe in Level 3, man kann es nicht besiegen, man muss es herunter stoßen.

Aber warum hole ich soweit aus und verliere mich in Details, wenn ich doch eigentlich über etwas ganz anderes berichten möchte? Genau, ich führe hin zum Thema. Oder ich kann mich einfach nur nicht richtig konzentrieren und schweife ab. Richtig ist sicher beides.

Ich bin gestern über ein browserbasiertes Spiel namens 100jumps (Link) gestolptert und wollte kurz davon erzählen. In diesem Spiel muss man ein niedliches kleines Knautsch-Viereck mit der Leertaste zum Hüpfen bringen. Man springt von einer PLattform zur nöchsten und das Viereck springt so weit, so lange ich die Taste gedrückt halte und dann los lasse. Länger = weiter. Das ist ganz schön knifflig und ich bin noch nicht über 58 erfolgreiche Sprünge hinaus gekommen. Aber es macht auch ein bisschen süchtig. Und deshalb erzähle ich euch das. Wenn ihr also an einem richtigen Computer mit Browser sitzt, könnt ihr das in der Mittagspause gern mal ausprobieren.

100jumps

Im Browserspiel 100jumps habe ich 58 Sprünge geschafft bevor ich abgestürzt bin

Und sonst gibt es wohl auch noch eine Version für iOS und Android, die ich aber nicht ausprobiert habe. Es gibt für mich nichts weniger interessantes als Handyspiele. Außer im Jamba-Spar-Abo mit Crazyfrog als polyphonen Klingelton [2] :-)

Fußnoten


  1. Warum ich das so explizit erwähne hat einen triftigen Grund: es gibt zwei verschiedene Tränke im Spiel. Mit dem blauen kann man sich heilen, mit dem roten verliert man ein Leben (Gift). Auf einem schwarz-weiß Monitor konnte man den Unterschied nicht sehen sondern musste sich durch Erfahrung erinnern. ↩︎

  2. Was war diese Werbung damals für eine Last, eine Geißel der Menschheit. ↩︎

What else?

Ich habe mir mal wieder KlickrKlackr, meine treue mechanische Tastatur, zur Hand genommen, (wie das klingt), um einen längeren Text zu schreiben. Ich habe mir ja vorgenommen, immer mal wieder was ins Netz zu posaunen. Was auch immer. Ein Konzept habe ich ja nicht. Aber ich habe ausführlich an meiner Website programmiert. Und ich habe mir da ein paar Gedanken gemacht, die ich an dieser Stelle ein mal aufs Papier bringen möchte.

Grundsätzlich gilt hier wohl die Reduktion. Ich habe irgendwie alles raus geworfen, was ein normales Weblog so bietet. Den dynamischen Footer, die verlinkte Überschrift, die Darstellung der aktuellen Beiträge oder eine Liste davon. Stattdessen sage ich auf der index.hbs nur Hallo und habe ein kleines dreispaltiges Menü drunter etabliert, in welchem ich die häufigsten Themen verlinkt habe. Keine automatische Navigation, kein großes Verzahnen. Eher ein auseinandernehmen der vorhandenen Dinge und irgendwie anders neu zusammen setzen. Zum Beispiel habe ich jetzt auf jeder Seite ein beherztes ../, was signalisieren soll, dass ich wieder auf die Ebene zuvor oder den Websiteroot zurück kehren kann.

Dafür habe ich verschiedene Templates gebaut, meine Weblog-Engine nennt sich Ghost und sie nutzt Handelbars. Also Custom Handelbar-Templates, welche unter Zuhilfenahme von unterschiedlichen Routen (routes.yaml) einen Tag zu einem /tag auflösen und das zum Rendern der Liste nutzen.
Ein einzelner Artikel sieht allerdings immer noch absolut gleich aus (post.hbs), da gibt es keinen Unterschied und da spielt es auch keine Rolle, ob ich diesen als Musik, Lyrik oder Notiz veröffentlicht habe.

Ich habe Dinge wie Autorschaft (ich) oder Datum aus dem Header entfernt, die Überschrift verlinkt immer zurück auf / und auch sonst versuche ich, eine simple Seite umzusetzen.

/Notes

Wie man unschwer erkennen kann, habe ich eine Art Timeline gebaut, nicht mehr mit absoluten Zeiten sondern "vor so und so viel Stunden gepostet". Die Überschrift habe ich entfernt und nur den Text nebst Inhalt in dieser chronologischen Timeline stehen lassen. Das gibt dem ganzen einen Notizen-Microblogging-Charakter.

/Lyrik

Ich schreibe ja schon geraume Zeit lyrische Kleinzeiler, die eigentlich eher Prosa darstellen. Ich summiere es aber unter diesem Tag, weil mir sonst kein besserer eingefallen ist. Auch hier habe ich eine eigenes Template gebaut, lyrik.hbs, welche auf /lyrik auflöst.

/Longpost

Hier landen unschwer erkennbar alle Beiträge, die länger sind und nicht in eine der Kategorien passen. Also zum Beispiel auch dieser Artikel hier. Ich habe das Lyrik-Template aus Faulheit für alle anderen Menüpunkte genutzt, das dient als Blaupause, außer eben für Notes. Und für Lakritz, meine Katze, habe ich auch ein eigenes Template gebaut.

/Lakritz

Eine Katze will immer zu fressen
Eine Katze will immer zu fressen
Ich gebe ihr was, ich geb' ihr was zu fressen
Sie bezahlt nichts dafür
Und das ist gut

Lakritz hat selbstverständlich ein eigenes Template mit einigen wenigen Abweichungen. Hauptsache ist für mich, dass sie sich am Ende gut abgebildet findet.

/Music

Da ich Musik liebe und gern darüber schreibe, sie höre aber selber unfähig und außerstande bin, selbst welche zu produzieren, habe ich ihr eine eigene Kategorie gewidmet. Der aktuellste Artikel dort ist jener über den Darkwave-Song Gallowdance.

/Health

Health ist keine Kategorie, es ist der Versuch aus dem Export der Apple Health Daten ein JSON File zu erzeugen, dass ich dann wiederum mit Javascript anzeigen kann. Dies tue ich mit gelaufenen und gefahrenen Kilometern. health ist auch ein Template, ein Pagetemplate, aber nur für diesen Zweck. Ich muss aber für die Aktualisierung immer wieder händisch meine Apple Health Daten auswerten. Das ist allerdings trotzdem cooler als jedes Strava 😄

/Galerie

Ghost speichert die hochgeladenen Bilder von Artikels nicht zentral in einer Datenbank. Man kann sie nicht abrufen. Ich habe ein Script geschrieben, was dies via API tut. Es fragt also die API ab und speichert die URLs zu den <img> und Gallery-Cards in einer JSON Datei. Dessen Inhalt lade ich via Custom HBS File unter der URL /galerie und das funktioniert recht flott und gefällt mir gut. Ein Klick aufs Bild vergrößert es, ein Klick auf den Titel öffnet den korrespondierenden Beitrag.

/Unterwegs

Da ich auch immer wieder mal von unterwegs, mit dem Smartphone, etwas absende, lohnt sich die Kategorie Unterwegs.

Ich habe bei all dem aber auch etwas kaputt gemacht, denn die Anzeige der Lesezeit für einen Artikel, die zeigt nur noch entweder eine Minute oder zwei Minuten an, egal wie lang oder kurz der Artikel ist.

Und das wars auch schon wieder.
Bis bald.

Ein bisschen Bewegung

Ich war heute endlich mal wieder ein bisschen joggen. "Hab wieder damit angefangen", muss man wohl sagen. Denn ich war ewig nicht mehr. Im Winter war ich immerhin oft spazieren, lang und ausgiebig, ein bisschen Licht gegen die Lichtlosigkeit allerorts, aber zu Faul den Fuß richtig zu schwingen. Und dann hat die Katze heute morgen den Scooter im Treppenhaus der Maisonette Wohnung umgeworfen und ich war wach und dachte mir: "8 Uhr, ich könnte die Schuhe anziehen und eine Runde Laufen gehen".

Es war still, kühl und fast ein bisschen frisch, aber ruhig und doch angenehm. Musik im Ohr, Foals, Laufuhr und ein bisschen Nieselregen. Ich versuchte in einen Trott zu kommen und lief gerade durch den Luisenpark, als hinter mir eine große Gruppe, vielleicht 30 Läufer:Innen, zu erspähen (zu hören) war. Wer mich kennt weiß: andere Menschen? OhNoNo! Also lief ich für mich, in der Wahrnehmung, dass sie mich bald eingeholt haben müssten. Stattdessen aber fuhr ein Fahrrad neben mir auf und fragte mich, was für eine Pace und welche Länge ich laufen würde, weil er mich gern in die Laufgruppe integrieren würde. Ich erklärte, mir nichts anmerken lassend dass ich fast erstickte, dass ich gerade erst wieder einsteige und nur eine kleine Runde laufen möchte. Er erzählte mir alles über seine Bewegung, dass sie oft ca. 8 Km laufen und bei der Thomaskirche starten und an der Holzbrücke wieder zurück (und das eigentlich fast genau meiner sonstigen Laufrunde entspricht) laufen, auf der anderen Route. Und so ließ ich mich doch darauf ein, weil wir ohnehin gleich schnell waren zu diesem Zeitpunkt. Ich reihte mich dahinter ein und lief ca. 15 Minuten mit ihnen zusammen. Dann merkte ich wie sie doch stetig ein bisschen schneller liefen als ich, sodass ich mich wieder abwandte und zum Abschied freundlich grüßte.

💡
This one goes out to Björn, die alte Laufmaschine.

Nicht aber ohne zu Hause digitales Mitglied der Community zu werden und fortan (eventuell, vielleicht, doch auch mal) mit den Sportlern laufen zu gehen. Sie haben verschiedene kleine Gruppen innerhalb der Community und fahren beispielsweise auch Rennrad, was ich ebenfalls gern tue. Ich in also gespannt und erhole mich noch von meiner morgendlichen Sportrunde. Muss aber gestehen, dass es kein mental-besseres Gefühl gibt als jenes nach dem Sport, wenn man schon was geschafft hat für den Tag, dieser aber noch vor einem liegt und schon besiegt scheint. Mega.

Hier seht ihr meine Bewegungen pro Tag, Woche und Jahr.

Lasst uns gern auf Strava folgen.

Ich hab kein Konzept

Ich hab nie ein Konzept. Ich hab in meinem Leben kein Konzept. Ich hab für mein Weblog kein Konzept. Ich hab für meinen Bluesky-Kanal kein Konzept und ich habe auch für meine Zukunft kein Konzept. Ich hab nicht mal ein Konzept, wie ich mich auf Arbeit entwickeln möchte. Oder wohin. Ich komme damit eigentlich auch ganz gut klar. Ich bin dadurch flexibel und wandlungsfähig. Ich mag den Wandel auch. Stillstand finde ich schwierig. Weiterentwicklung hingegen sexy.

Aber deshalb werden die Dinge bei mir auch nicht groß. Oder wirkmächtig. Weil eben kein Konzept dahinter steht. Weder hier. Noch dort. Noch anderswo. Hin und wieder denke ich darüber nach und finde das dann auch mal kurz schwierig. Oder überlege, was ich aktiv gestalten könnte.

Ich kann doch nicht mein gesamtes Leben vertrödeln. Von dem nunmehr schon über die Hälfte um ist. Aber so genau weiß ich auch das nicht. Vielleicht ist schon mehr um. Eventuell auch ein bisschen weniger. Es ist mir aber auf jeden Fall volle Bude egal. Wenigstens das. Naja und da könnte man doch entscheiden, dass man als nächstes großes Projekt in seinem Leben das da anfängt, oder dies. Zum Beispiel einfach noch ein Studium, weil es einen interessiert. Ich würde das dann so machen. Ich würde nicht auf ein Ziel hin studieren (z.B. Architekt), sondern ich würde mich für das Wissensgebiet interessieren und es deshalb studieren. Nicht wegen des Abschlusses oder wegen des Geldes. Oder wegen des Genitivs.

Deshalb nicht. Das wollte ich mir mal von der Seele schreiben. Aber eine Antwort oder Lösung hab ich im Prozess des Vergewisserung jetzt auch nicht erhalten. Wie ist das bei euch?

💡
Plant ihr euer Leben und lebt ihr euren Plan? Oder existiert ihr, so wie ich?
  • Ist das fehlende Konzept vielleicht selbst ein Konzept?
  • Ist „Wirkmächtigkeit“ wirklich ein Ziel – oder nur eine geliehene Erwartung?
  • Was gewinne ich eigentlich konkret durch dieses Leben ohne Plan, außer Flexibilität?

RotoR

Manche Dinge existieren einfach. Ohne großes Tam-Tam, ohne wabernde Marketingmaschinerie, ohne jeden Versuch, sich in den Algorith­men der Aufmerksamkeitshalden einzurichten. ROTOR ist so ein Ding. Eine Band, die seit 1998 instrumentale Musik spielt – StonerRock, Space-Trip, ProgRock-Riff im Stakkato, mal psychedelisch, mal schwer wie das Ende der Woche auf dem Sofa. 

Das Cover des Vinyl Albums FÜNF der Band RotoR aus Berlin
Das Cover des Vinyl Albums FÜNF der Band RotoR aus Berlin

Wenn ich darüber nachdenke, was „der Sound von ROTOR“ eigentlich ist, bleibt am Ende nicht viel mehr als das unmittelbare Gefühl, das ein Satz aus tiefer, echoverliebter Gitarre, ein pumpender Bass und ein Schlagzeug erzeugen, das nicht einfach nur tickt, sondern atmet. Sie verzichten bewusst auf Worte – nicht aus Mangel an Ideen, sondern weil Sprache in ihrem Universum schlicht überflüssig ist. 

Stoner

Der Begriff Stoner fällt im Zusammenhang mit ROTOR fast automatisch, auch wenn er letztlich nur ein grobes Etikett bleibt. Tiefergestimmte Gitarren, schleppende Grooves, repetitiv-hypnotische Riffs – all das ist da. Aber ROTOR nutzen diese Sprache nicht als Pose, sondern als Werkzeug. Ihr Stoner ist weniger Nebel und Retro-Rock-Klischee, sondern eher eine körperliche Erfahrung: monoton im besten Sinne, tranceartig, konzentriert. Kein Eskapismus, sondern ein Zustand, in den man sich bewusst hineinbegibt – und aus dem man verändert wieder auftaucht.

„Sechs“, „Sieben“, „Fünf“ – die Alben heißen simpel, nummerisch, wie Kapitel in einem Werk, das eher spürt als erklärt, was es zu sagen hat. Jede Nummer, jeder Songtitel wirkt wie ein Fragment, das im Kopf genauso weitergeht wie auf der Platte. Die Riffs walzen, die Rhythmen drehen sich, und plötzlich ist alles zugleich Zeichen und Bedeutung. 

Live legten ROTOR schon früh das Fundament ihres Mythos: Leute, die einmal dabei waren, erzählen von drückender Energie, von langen Takes, die so unaufhörlich klingen, als sei der Sound selbst ein eigenes Bewusstsein. Und dann ist da dieses Paradoxon: eine Band, die nicht über sich spricht – und gerade deswegen unausweichlich im Kopf bleibt. 

In einer Zeit in der Donald Trump gehörig stinkt, wirkt ROTOR fast wie ein Verweis: Musik ist zuerst Musik. Punkt. Vielleicht ist das nicht unbedingt bequem. Vielleicht ist es genau das Gegenteil davon. Aber es ist echt.

Ich drehe jetzt erst mal die Schallplatte um und später lege ich noch eine andere Scheibe von RotoR auf.

Schreiben und scheitern (long post)

Wie gebannt sah er auf das weiße Blatt Papier vor sich. "So viele Möglichkeiten, so wenig Ideen" wie man anfangen könnte. Und er fand das ziemliches Blabla, dieses "Hey, es geht etwas Neues los, das ist eine Chance - diesdas", Allgemeinplätze waren nicht unbedingt seine Haltestellen (!sic). Er wollte eher Mut zur Dunkelheit propagieren. Er hatte das neulich schon durchdacht, da war er allerdings wie auf Schlittschuhen unterwegs und seine Gedanken ob der Glätte hin und her gewürfelt. Kurzum, er kam zu keiner Erkenntnis.

Und dann sah er wieder auf dieses Blatt Blatt. Und das (Blatt Papier) ist für uns Leserschaft - wir durchbrechen jetzt einfach mal "die vierte Wand" [1] - eine Metapher, für ihn aber auch. Er war Schriftsteller. Und er wollte gern etwas schreiben. Aber er wusste nicht, wo er anfangen sollte. Anzufangen hatte. Ihm fehlte es also nicht nur an einem Konzept, es fehlte ihm grundsätzlich schon an Ideen. Er saß also auch nicht wirklich vor einem weißen Blatt, sondern er saß an einer modernen Schreibmaschine. Modern meint ihr eine vollautomatische Kugelkopfmaschine von der IBM (so eine hier). Auf die er ziemlich stolz war, aber auch sie brachte keine Inspiration. "Von der IBM", wie das klang, wie eine freundliche Familie, wie dereinst bei VW oder Opel, im Zuge der verschiedenen Wirtschaftswunder der US-amerikanischen Marschallpläne, propagiert.

Er hatte noch einige andere Dinge auf seinem Schreibtisch. "Viel zu tun" eben. Und doch hatte er den gesamten Vormittag damit verbracht, über Dinge nachzudenken. "Dinge und Sachen" wie Elfriede immer sagte, wenn sie so ein allgemeines Nachdenken meinte. "So ein Nachdenken, mit dem man schon ein paar Stunden verbringen könnte". Er stand unter Druck. Einerseits wollte er schreiben, andererseits hatte er ohnehin weltliche Dinge zu erledigen und dann kam er zu beidem nicht. Er hielt das nur schlecht aus. Er rauchte. Ohhh, er rauchte viel. "Schornstein" nannten sie ihn manchmal. Weil er immer qualmte

Und dann kommt plötzlich diese Meldung rein, dass "die Firma Zalando ihre Pforten in Erfurt schließen wird und 2700 Mitarbeitende ohne Job dastehen werden" und er denkt: so ein schlechter Zeitpunkt! Die schlechten Nachrichten kommen derzeit so geballt, die politische Stimmung ist derzeit so schlecht und solcherlei Meldungen sind derzeit Wasser auf die Mühlen der Rattenfänger. Und damit meint er all jene, die vermeintlich leichte Antworten auf komplexe Fragen suchen. Die ihre gut ausgetretenen Pfade nicht verlassen wollen, die sich gegen Veränderung und Entwicklung streuben - und er weiß was das bedeutet: Eine Revolution, eine negative Revolution steht ins Haus. Aber keine mit Bomben und Raketen wie in der letzten Silvesternacht, sondern eine die von unten alles aushöhltt, eine Revolution der Stammtische und Redelsführer der Glühweinstände, der Verdrossenen und all derer, die sich ungerecht behandelt fühlen.
Und dabei denkt er darüber nach, wie gut es Günther Mülller doch geht, wie viel Wohlstand er hat und wie sicher er all die Jahre leben konnte und fragt sich, warum das leichtfertig aufgegeben wird. Wie man das so einfach wegschmeißen kann, aufgrund von gefühlter Zurücketzung.

Aber an diesem Vormittag findet unser Protagonist leider keine Antworten. Er hat nur den ganzen Tag verschlafen aber dabei keine neue Weltordnung geschaffen. Betrübt schenkt er sich aus dem großen Kristallglasschwenker eine Glas Whiskey ein. Billigster Fusel, aber immerhin mit Stil. Was auch sonst.

Er hob das Glas, betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit gegen das Licht, als ließe sich darin eine Antwort sedimentiert finden. Nichts. Nur Schlieren, Fingerabdrücke, der eigene Atem auf Kristall. Er trank trotzdem, langsam, fast zeremoniell, als müsse man dem Scheitern wenigstens Höflichkeit erweisen. Der Whiskey brannte nicht, er wärmte auch nicht. Er legte sich lediglich wie ein weiterer Gedanke zu vielen anderen.

Warum ist die Welt eine andere geworden. Warum herrscht diese Missgunst zwischzen den Menschen. Warum...

Die Schreibmaschine blieb stumm. Eine beleidigte Stille, die schwerer wog als jedes Klackern. Er legte die Hände auf die Tasten, nicht um zu schreiben, sondern um zu prüfen, ob sie noch da waren, ob er noch da war. Das Geräusch der Stadt drang gedämpft durch das Fenster: ein Bus, ein entferntes Hupen, Schritte auf nassem Asphalt. Er stellte fest, dass all diese Geräusche Geschichten waren. Nur nicht seine.

Er dachte an Verantwortung. An das große Wort, das so gern bemüht wird, wenn es darum geht, nichts Konkretes zu sagen. Verantwortung der Politik, der Wirtschaft, der Medien, der Schriftsteller. Seiner. Und er fragte sich, ob Schreiben nicht längst eine Form der Verdrängung geworden war, eine elegante Art, sich zu beschäftigen, während andere Entscheidungen trafen. Vielleicht war das der Grund für die Leere: dass jedes Wort sich wie eine Ausrede anfühlte.

Wie war das mit der Verantwortung des regierenden Oberbürgermeisters von Berlin, der gerade über seine Tennisstunde stürzte, weil er seine Bürger im Krisenfall allein gelassen hatte? Man müsse sich nicht wundern!

Elfriede hätte jetzt gelacht. Nicht spöttisch, eher mild. Sie hätte gesagt, dass man nicht anfängt, sondern weitergeht. Dass der Anfang eine Erfindung der Ungeduld sei. Er sah sie vor sich, wie sie mit der Hand eine unbestimmte Bewegung machte, diese typische Geste zwischen Abwinken und Ermutigen. Er nahm einen weiteren Schluck, als müsse er sich an diese Geste herantrinken.

Draußen begann es zu dämmern. Der Vormittag war längst verloren, der Tag kippte unbemerkt in den Nachmittag. Er dachte: Vielleicht ist das die Dunkelheit, von der ich rede. Nicht das Dramatische, nicht das Böse, sondern dieses sanfte, unaufgeregte Verschwinden von Zeit. Mut zur Dunkelheit hieße dann, genau hier zu bleiben, nicht wegzuschalten, nicht zu glätten.

Er schob ein frisches Blatt in die Maschine. Das Geräusch war entschieden, fast trotzig. Kein Manifest, kein Anfang, kein großes Wort. Er schrieb nur einen Satz. Einen, der nichts erklärte und nichts versprach. Einen Satz, der einfach da war.

Dann hielt er inne. Nicht zufrieden, aber auch nicht leer. Und das, dachte er, könnte fürs Erste reichen.

Fin


  1. Die "vierte Wand" ist eine imaginäre Barriere zwischen der fiktiven Welt einer Theaterbühne oder eines Films und dem Publikum, die die Illusion aufrechterhält, dass die Charaktere nicht wissen, dass sie beobachtet werden ↩︎

💡
Alle Geschichten des "Jungen Mannes" können sie hier weiter verfolgen.

Kleine Kunstwerke

Bei all dem Groll den ich oft gegenüber der Selbstreferenzialität (was für ein Wort und das tu' ich ja hier grad' auch) der Blogoshphäre verspüre, muss ich immer wieder feststellen, dass Weblogs kleine Kunstwerke sind. Sie leuchten in einem durch Social Media Silos (Facebook, Instagram, Twitter…) verkommenen Web und strahlen Individualität, Haltung und Geistigkeit aus. Und da kann man das vielleicht auch durchaus mit dem getunten 2er Golf an der Bushaltestelle in Oberursel oder der Eisenbahnplatte im Keller vergleichen. Lust auf was Eigenes.

Ich mag die Verbindung der Individualität und des Intellekts jedes einzelnen mit der Verknüpfung über das Web, Weblogs, Websites. Selbstverständlich spielt es keine Rolle ob und wie jemand sein trautes Heim, seine Eisenbahnplatte oder seinen Golf getuned hat. Ob mit oder ohne Kommentaren, ob mit Fediverse-Integration oder ohne oder ob er sich der Indieweb-Ideologie verpflichtet fühlt. Auch, welche Themen er bearbeitet ist völlig offen, solange er es aus eigenem Interesse und Antrieb heraus tut, keinen Erwartungen folgt, keine Reichweiten bedient und keine Optimierungslogik erfüllt. Weblogs müssen nichts beweisen, nichts verkaufen, nichts erklären. Sie dürfen roh sein, fragmentarisch, überambitioniert oder banal. Sie dürfen scheitern, sich wiederholen, sich widersprechen und über Jahre hinweg in sich selbst kreisen. Genau darin liegt ihre Freiheit.

Diese bunte, manchmal widersprüchliche Vielfalt der deutschen Blogosphäre ist keine Schwäche, sondern ihre größte Stärke. Sie lebt davon, dass es keinen Kanon gibt, keinen gemeinsamen Nenner, keine Qualitätskontrolle außer der eigenen Haltung. Jeder darf machen, was er möchte – und genau deshalb entsteht Bedeutung. Nicht aus Einheit, sondern aus Reibung. Nicht aus Professionalität, sondern aus Eigenwillen.

Ob jemand über Politik schreibt, über Musik, über das eigene Leben, über Technik, Katzen oder die Eisenbahnplatte im Keller, ist letztlich egal. Wichtig ist nur, dass es echt ist. Dass da jemand sitzt, denkt, fühlt und schreibt – und das Web als offenen Raum nutzt, nicht als Bühne (oder zumindest nur ein bisschen als Bühne). In einer Zeit, in der alles bewertet, gemessen und verwertet wird, sind Weblogs vielleicht einer der letzten Orte, an denen das Nicht-Zielgerichtete noch existieren darf. Und genau deshalb sind sie so wertvoll.

Und deshalb freue ich mich auch besonders über jedes Weblog, bei dem es etwas zu entdecken gilt. Weil die Autorin ganz viel Liebe hinein gesteckt hat. "Weil sie es sich schön gemacht hat". Mit besonderem CSS. Oder besonderer Technik.

Ciao.

💡
Wir sagen ja! zu Individualität und Eigensinn.
💡
Falls Ihnen das Geschriebene nicht zusagt, besuchen Sie bitte folgenden Link.

Schneewalzer (long post)

Wie betrunken fühlte sich der junge Mann, als er die schneebedeckte Straße entlang ging. Eigentlich war es nur ein Weg und betrunken war er auch nicht, aber durch die vielen Mütter, die da mit ihren Kindern am Nachmittag nebst Schlitten die Strecke in eine Eisrodelbahn verdichtet hatten, sorgten für den leichten Überhang nach links oder rechts.
Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschrängt, er hatte mal gelesen dies stehe für Zufriedenheit und würde den Rücken entlasten, aber nur bis zur nächsten Eisstelle. Mit dem linken Fuß rutschte er weg, konnte sich aber durch seine katzenschwanzähnliche Armrührbewegung auf den Beinen halten und fiel nicht der länge nach hin.

Fortan unterbrach er das rückenliche Armfalten um einen etwaigen Sturz besser abfangen zu können. Er liebte solche Spaziergänge, deshalb auch heute, ca. 10 Km ging er durch die früh anbrechende Januar-Nacht mit ihren Eiszapfen und der Helligkeit. Da die Wintermonate so dunkel waren, liebte er diese hellen Schneenächte.

Er nahm sich die Zeit gern - in einer Welt die aus dem sogenannten Information-Overload besteht. Immer mehr Informationen in immer kürzerer Zeit, gepaart mit unentwegtem Empfang unterwegs. "Die Filter fehlen", dachte er sich. "Das macht die Menschen irre. Informationen schön und gut, aber wem kann man glauben. Wer ist gut? Wer ist schlecht. Und worum geht es am Ende eigentlich überhaupt?"

Er hat das Smartphone deshalb explizit nicht mitgenommen, "ein kurzer Moment des digitalen Entschleunigens" dachte er. Und wenn er sich jetzt bei dieser Glätte beide Beine brechen würde, wem könne er bescheid sagen ohne Handy? Niemandem! Ganz klar. Denn unser Protagonist ist tapfer und vor der Tür durch Glätte zu verenden, das gehört nicht zu seinen Ablebensplänen. Hat eigentlich wirklich jeder Mensch solche Ablebenspläne? Wie das ganze mal ablaufen wird. Er hatte sogar eine Funeral-Playlist auf Spotify, alle Songs die er besonders traurig fand wollte er zur seiner Beerdigung laufen lassen, einfach nur damit auch wirklich alle mit Leonard Cohen und anderen trübtraurigen Songs gequält dem Ende entgegen sehnen. "Aber ginge das überhaupt?" 9h Todesplaylist zur Beerdingung? Das wäre ja länger als eine Disconacht von 23 - 4 Uhr. Wow!

Disconächte sind für ihn mittlerweile genau so abwägig wie diese neunstündige Playlist mit traurigen Songs zu seinem Ableben. Aber solche Gedanken kamen ihm immer, wenn er erst mal mit sich allein war. Wenn er draußen durch den Schnee stapfte, völlig allein, nicht mal Musik hatte er im Ohr. Bis vor kurzem noch trug er bei jedem Schritt Kopfhörer.

Die Welt ausschalten, wie ein Schutzschild.

war das für ihn. Aber dann las er irgendwann darüber, wie Kopfhörer und der - so nahe am Trommelfell sitzende - Schall schlecht fürs Gehör seien und er gewöhnte es sich langsam ab. Wie mit dem Rauchen. Das war hart. Wesentlich härter als die Kopfhörer. Aber im Grunde auch nur eine langsame Abgewöhnung. Mittlerweile war er ziemlich weit gekommen, ihm war auch gar nicht mehr kalt, durch die fortdauernde Bewegung war er warm geworden. Und er rutschte auch nur noch 4 mal fast völlig aus, konnte sich aber jedes mal wieder fangen.

Irgendwann unterwegs, im Wald, dunkel aber durch den Schnee doch hell, kam ihm eine Frau entgegen und er fragte sich, wie er sich wohl sinnvoll verhalten könnte, damit er keine Angst verbreite. So als Mann, nachts... aber ihm fiel nichts Gutes ein.

💡
Schneewalzer ist mein erster long post (hier) hier im neuen CMS. Darüber werde ich drüben noch ausführlicher schreiben.

Schnee zieht ein (long post)

Heute Morgen war die Überraschung groß, als ich aus dem mehrere Decken dicken Prinzessin-auf-der-Ersbe Schlafgemach aufhorchte und gen Fenster blickte. Eine dicke Schneedecke begrub das große Schrägfenster der Dachgeschosswohnung und gab ihm gleichzeitig ein wohlig eingepacktes WHAM-Gefühl (so Last-Christmas-mäßig). Allerdings konnte mich das nicht vom Blick aufs Thermometer abhalten, was mich gleich wieder zurück in des Grabes Kälte brachte. Knapp 17 Grad, eher drunter.

Eine große Fenster Scheibe voll bedeckt mit frischem Schnee von gestern Nacht
Eine große Fenster Scheibe voll bedeckt mit frischem Schnee von gestern Nacht

Über Nacht wurde #Erfurt also von einer kleinen Schneedecke beseelt und heute haben wir -1 Grad, die Chancen, dass das bisschen Schnee ein wenig liegen bleibt, sind also da. Ich würde mich freuen, hatten wir in diesem Winter doch noch gar keinen Schnee. Und das ist in Erfurt auch immer ein bisschen schwierig, denn Erfurt liegt im Teller, im sogenannten Thüringer Becken und deshalb ist nie ganz klar, was hier für Wetter herrscht, auch wenn es nur wenige Kilometer weiter eben anders ist.

Heute wird es einen Ausflug geben und ich werde mit dem Motorwagen, ich liebe Autofahren, gen Westen reisen. Da ein bisschen Schnee liegt, muss ich eingestehen, freue ich mich noch etwas mehr, verfügt mein Automobil doch über einen Heckantrieb und fahre ich doch gern unter besonderen Bedigungen. Natürlich nur wenn ich wie heute darauf vorbereitet bin und weiß, worauf ich mich einlasse. Ich bin angepasst und übertreibe nicht. Aber wenn ich eine Schneefläche finde und dort fahren kann, dann bin ich der erste der Donuts dreht. Und ich stehe dazu :-) Auch wenn ich sonst immer mit dem Fahrrad fahre und auch das absolut liebe und unterstütze und 98% der anderen Autofahrer nicht leiden kann - ich fahre gern Auto. Wir entfliehen hier übrigens auch, weil es zu kalt ist. Was mich tierisch nervt und aufregt. Aber an einem Samstag und Sonntag nun mal nicht zu ändern ist. Ich hoffe sehr, dass sich gleich am Montag ein Termin zur Heizkörperreperatur vereinbaren lässt.

Übrigens wollte ich noch auf mein neues Distraction-Free-Writing-Setup eingehen. Es ist mein Powermac G5. Er ist so alt, dass er mich kaum ablenken kann. Auch wenn er ein modernes ARCH-Linux fährt, so ist der PowerPC G5 Prozessor doch eindeutig zu alt, um ihn ernsthaft für etwas benutzen zu können. Und so reicht die Rechenleistung gerade einmal gut aus, um den Firefox auf meine Website zu lenken, den Markdown-Editor zu öffnen und los zu schreiben. Mit meiner großartigen Tastatur (eine Keychron K2, Bluetooth Name: KlickerKlacker) die ich sehr liebe. Ich habe darüber mal ausführlicher geschrieben, hier. Wie das ganze aussieht, erfahrt ihr in dem nun folgenden Screenshot.

Powermac G5 mit aktuellen ARCH Linux und allerlei Fenstern.
Powermac G5 mit aktuellen ARCH Linux und allerlei Fenstern.

Warum ich das mache? Es lenkt mich weniger stark ab. Ich lasse mich gern ablenken. Im Leben, im Beruf, ständig. Und damit ich mich fokussieren kann, lege ich mein Handy beiseite, schalte sämtliche Dinge (bis auf eine schöne Schallplatte) ab und versuche mich, so, besser auf den Text zu konzentrieren. Und am Powermac - der einfach wenig Möglichkeiten bietet -, da geht das. Ich könnte mich auch an eine Schreibmaschine setzen, aber die liefert mir kein Markdown. Aber eine Digitale vielleicht? Ich glaube, ich werde mich mal wieder etwas ausführlicher mit dem Thema Distraction-Free-Writing beschäftigen (hab’ ich hier schon mal).

Und plötzlich blinzelt die Sonne über den Dom und taucht die weiße Stadt in helles, freundliches Licht. Ich mag das sehr. Ich habe schon wieder große Lust, eine lange Runde spazieren zu gehen. Das ist in mir wahrscheinlich wie mit den Eisbadern in Leipzig am Kulkwitzer See, den Pinguinen, die dort in das am liebsten gefrorene Wasser springen und sich danach wie neu geboren fühlen. “Wie ein Reset im Gehirn”. Frisch und gestählert. Und alle waren seitdem sie das regelmäßig tun, nicht mehr erkältet. Naja, so ähnlich vielleicht fühlt es sich an wenn man bei jedem Wetter, erst recht bei kalter Schönheit, den Naturkräften bei einem Spaziergang trotzt. Silvester 2023 habe ich an der Ostsee verbracht, da waren wir auch 12 Km am Strand entlang spazieren, es war großartig. Die Gischt, der Wind und am Ende etwas leckeres Essen gehen. Ich bin ein einfacher Mann, aber das alles holt mich sehr ab.

Bild 1
Ein paar schneebedeckte Dächer, und der Himmel leuchtet blau, mit weißen Wolken. Die Sonne strahlt von hinten in die Szenerie.

PS: Einen Linktipp habe ich noch für euch. Lest das Weblog Vic Mancini on Death Row - denn er ist sehr gut!

#autofahren #longpost

Hallo Welt - Ein Spaziergang und andere Dinge (long post)

Ich habe mir vorgenommen, häufiger größere Texte zu schreiben und gestern damit begonnen. Damit das klappt muss ich aber auch etwas erleben, was mir oft schwer fällt. Deshalb werde ich einkaufen gehen. Ich muss. Auch, damit mir warm wird. Denn ich lebe in einer Dachgeschosswohnung, hoch über der Geschichtsstadt (Beiträge zur Stadt), mit Blick auf den Dom und nachts kann ich den Fluss flüstern hören. Aber das befreit mich nicht von all den Nachteilen, die so eine Dachgeschosswohnung aufweist. Viele Treppenstufen, zu warm im Sommer, zu kalt im Winter. Und letzteres ist gerade overwhelming, wie der Engländer wahrscheinlich niemals sagen würde. Die Wohnung ist eine Art Loft und im großen Raum, da wo unter anderem auch meine Vintage Vinyl Stereo Anlage steht, da ist der große Heizkörper (2 Meter Länge) ausgefallen. Über Jahre angesammelter Abrieb in den alten Rohrleitungen hat den Heizkörper verschlammt, bis er nicht mehr spülbar ist. Und ausgetauscht werden muss. Jetzt. An den Feiertagen. Das klappt natürlich nicht.

Ich habe bereits allerlei Rabatz veranstaltet. Die Klempnerfirma hat geprüft und einen Kostenvoranschlag erstellt, der Eigentümer der Wohnung hat diesen über die Hausverwaltung zugestellt bekommen und frei gegeben. Und jetzt geht es um die Terminvereinbarung. Diese kann aufgrund von Betriebsferien allerdings erst ab dem 05.01. überhaupt erfolgen. Und dann brauchen wir einen gemeinsamen Nenner. Ich bin sicher nicht der Einzige mit #Gründerzeithausheizungsproblemen. Es bleiben kalte 16,7 Grad, wärmer kann ich die Wohnung nicht mehr aufheizen. Und da haben wir noch gar keinen richtigen Winter, wie man so sagt. Mit -10 Grad etc. pp., wenn Eis die Landschaft flutet und alles zerfriert, wie damals ’74. Es muss hier also schnell Abhilfe geschaffen werden. Das ganze geht übrigens seit 05. November.

Auf jeden Fall habe ich einen ausgiebigen MorgenMittagsspaziergang vollzogen, das war schön. Allerdings war es ähnlich windig wie gestern, die 0 Grad Außentemperatur fühlten sich heute im Auge des Sturms wie -5 Grad an. Aber ich habe mich geerdet.

Ein Park, die Sonne fällt durch karges Baumwerk
Ein Park, die Sonne fällt durch karges Baumwerk

Ich lief durch den Luisenpark und dann über das neue Papierwehr. Es wurde aufgrund von Hochwasserschutz über 2 Jahre lang komplett neu aufgebaut, gleichzeitig mit dem angrenzenden Dreibrunnenbad, und steht nun wieder zur Verfügung. Dort hinten gehen die beliebtesten Spaziergängerwege entlang, links und rechts der Gera.

Das Papierwehr in Erfurt mit neuer Brücke.
Das Papierwehr in Erfurt mit neuer Brücke.

Von dort ging es weiter durch den Bachstelzenweg in Richtung Bischleben, einem Dorf unweit Erfurts, dass ca. 5 Km entfernt ist. Läuft man von mir durch den Luisenpark und am Fluss entlang bis nach Bischleben und zurück, hat man ziemlich genau 10 Km geschafft. Durch und am Thüringer Wald, dem Steigerwald von Erfurt, entlang.

Insgesamt waren es 8,7 Km die ich heute gelaufen bin und das ist gar nicht mal so wenig, wenn man bedenkt, dass ich nur ein paar Schritte gehen wollte. Zum Schluss kam ich an der GFAW vorbei, ein bisschen Brache vor der Tür und habe festgestellt, dass der Winter und die Einöde einer Stadt und ihre Brachen dem Besucher nicht gerade schmeichelt.

Blick auf das Hauptgebäude der GFAW, der Winter schmeichelt dem brachliegenden Gelände nicht.
Blick auf das Hauptgebäude der GFAW, der Winter schmeichelt dem brachliegenden Gelände nicht.

Die Runde beendete ich über den lokalen Kana-Döner, den besten der Stadt, denn ich habe ja hier und dort schon Kalorien verbraucht (größte Lüge häufig). Wenig später schrieb ich so gestärkt ein Schreiben an die Hausverwaltung aufgrund der untragbaren Zustände ob der Heizungsnot. Nur einkaufen war ich nicht. Ich dachte mir, als ich so vor mich hin spazierte, dass da noch so viele Dinge in meinem Speicher lagern, als dass ich “Fünfe grade sein lassen kann” und einfach so davon zu leben vermag. Gesagt - getan. Noch spricht allerdings der Döner aus mir.

Schaun’ wir mal was wird - was wird.

PS: Ich habe mir heute Gedanken darüber gemacht, wie ich meinen kurzweiligen Stumblr Content von meinen längeren Beiträgen abgrenzen könnte, ohne noch ein Weblog ausetzen zu müssen. Meine .microblog Stumblr-Beiträge folgen alle einem Titel der aus Datum und eventuell dem ersten Hashtag im Text bestehen. Meine langen Beiträge haben normale Titel. Ich werde diese zusätzlich mit einem (long post) im Titel benamen und den Hashtag #longpost einfügen. Das gilt so lange, bis mir etwas besseres eingefallen ist.

#longpost

Neujahrstag 2026 (long post)

So. Jetzt ist es angebrochen. Das neue Jahr. So, wie die Packung mit den Kaffee-Pads. Oder eine Schachtel Zigaretten. Obschon ich das Rauchen aufgegeben habe, ist es doch immer noch manchmal ein Thema in meinem Geiste. Dann stelle ich mir vor, wie glorreich es war, zu rauchen, in Kneipen zu sitzen, Vodka zu trinken und zu rauchen. Schachtelweise. Aber weil ich in mir drin weiß, insgeheim, wie schädlich das ist und außerdem, wie nervig es ist, sämtliche Kleidungsstücke bereits im Eingangsbereich des Gründerzeithauses abzulegen, weil es einfach so sehr nach Rauch stinkt, das Rauchen, bleiben es Gedankenspiele. Denn nichts ist heroisch daran. Das weiß mittlerweile auch der gute alte Marlboro Mann.

Der berühmteste Darsteller des Marlboro Mannes war wohl Wayne McLaren, der diese Figur 1976 in einer Werbekampagne spielte. Nach langjährigem und starkem Zigarettenkonsum starb er 1992 im Alter von 51 Jahren an Lungenkrebs. Bereits 1987 war der Darsteller David Millar an einem Lungenemphysem gestorben. 1995 starb der Schauspieler und Marlboro Man David McLean an den Folgen des Rauchens. Eric Lawson, Darsteller in Anzeigen zwischen 1978 und 1981, starb am 10. Januar 2014 im Alter von 72 Jahren an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung.

Wenn in dieser Welt die Marlboro Männer reihenweise an Krebs, mutmaßlich durch Zigarettenkonsum verursacht, sterben, dann kann da nichts Gutes dran sein. Nein zum Rauch.

Der 31.12. war ein entspannter Tag. Die Sonne schien sogar ein kleines bisschen, es war ungefähr 0 Grad warm und auch meine Dachgeschosswohnung, obgleich oft kühl, konnte mit der Situation umgehen. Gegen Abend war ich bei Freunden zu Gast, es gab Raclette und ich aß sehr viel. In diesen winzigen Pfannen sammelten sich allerlei Dinge an, und da man über Stunden hinweg isst, was mich aber nicht davon abhielt, wie ein Berzerker in mich hinein zu schaufeln, als ob es kein Morgen (HA! Es gibt ja auch keinen Tag nach dem 31.12., denn es ist der letzte Tag) gäbe, nach Stunden des Verzehrs, war mein Körper sichtlich überfordert mit der Situation und versuchte, sich abzuspalten. Ich hatte auch noch ein Helles. Helles Bier in meinem Bauch, gepaart mit stundenlanger Völlerei, kann zu einem Supergau werden. Und dann stand plötzlich diese Flasche Sambuca da, wahrscheinlich für „die Verdauung“. Ich überlegte noch, ob nicht jedes Land eine Art Sambuca (Deutscher Küstennebel, alles mit Anis oder Kümmel) besäße und versuchte, die anderen Gäste von dieser Idee zu überzeugen, aber da war es nach vier Runden Knack (ein Kartenspiel) bereits 0 Uhr und wir mussten hinaus. Hinaus in diese Welt. Diese Welt, die mir mit diesen Böllern so fremd geworden ist. Obwohl ich verstehe, dass wir hier und da, hin und wieder, einfach auch Geister vertreiben müssen, kenne ich doch meine eigenen Dämonen nur zu gut.

Ich hatte gestern keinen einzigen Silvesterknaller in der Hand. Aber die Kinder waren zufrieden. Ich hatte dort auch das Gefühl, es sei deutlich weniger geworden. Aber ich kann mich gut auch irren. Denn zu dieser Zeit hatte ich drei Helle, vier 4 cl Sambuca und allerlei verzehrenden Unrat in mir.
Gegen 2 Uhr nachts neigte sich auch dieser überlange letzte Tag des Jahres dem Ende zu. This is the End hörte ich Jim noch singen, während ich eine Nacht des Betrunkenseins mit sehr viel Mahlzeit in mir durchlebte. Ein Völlegefühl sondersgleichen. Und überlebte.

Ziemlich neben mir versuchte ich heute Morgen, am allgemeinen Leben teilzunehmen. Viel mehr als einen Kaffee und etwas Konversation konnte ich aber nicht bieten. Und doch gefällt es mir manchmal recht gut. So verlebt zu sein. Sich zu erden. Es darf natürlich nicht zu schlimm sein. Wenn man sich übergeben muss, dann ist das keine gute Idee. Aber wenn man so ein bisschen verlebt ist, einen schönen Abend mit Freunden hatte und dann etwas vor sich hin darbt am nächsten Tag, dann ist das Leben gut, meine Damen und Herren. Leben! Später waren wir gegen 11 Uhr unseren Neujahrsspaziergang vollführen. Es war sehr windig. Viel kälter, als es das Thermometer mit seinen 1 Grad hat ahnen lassen. Aber durch den Wind, der hier und da durch die Bäume zurrte und über Wiesen galoppierte, war es gefühlt deutlich kühler. Und so spazierten wir ca. zwei Stunden durch die brachliegende Natur, alles war grau, kalt, windig und verbraucht. Dazu gesellten sich dereinst stolze Raketenstöcker und Böllergranatenkisten, jetzt umgekippt und ausgebrannt im Rinnstein. „So ausgebrannt wie meine Seele“, dachte ich. Aber nicht heute. Heute schöpfe ich Kraft und Freude aus der Vergänglichkeit meiner selbst, erfahren durch den Alkohol-Kater des Silvesterabends.

Ganz genau. Die gefühlte Kälte der Menschen.

Später fuhr ich, wieder bei Kräften – man weiß gar nicht, wie viel Energie so ein Spaziergang zurückgeben kann –, zu meinem Freund Helge. Das tue ich jeden Neujahrstag seit 2012. Es ist hierbei wie bei Johnny Hills „Blumen für Mutti“: Am Ende besuche ich Helge nämlich auf einem kleinen Landfriedhof in Eschenbergen. An einem Hügel gelegen, ist es immer ein bisschen Morgendämmerung, und oft stibitzen sich Sonnenstrahlen übers Feld, wenn ich dort bin. Und immer herrschen Kälte, Wind und Sturm. Helge Knoll starb Silvester 2012 an Krebs, nur 32 Jahre alt geworden, und so zolle ich ihm Tribut.

Jetzt programmiere ich gerade etwas auf GitHub, und im „Radio“ läuft dieser eine 80s-Darkwave-Song, den ich gleich noch mal nachschlagen muss, weil er oft läuft, nichts Besonderes ist und mich dennoch immer aufhorchen lässt. Ich werde ihm auf die Schliche kommen.

Es ist der Song Blind Vision von der Gruppe Blancmange. Die Langversion des Songs ist absolut radiountauglich, sie dauert nahezu 10 Minuten, und ich liebe alles daran. Fast schon progrock-mäandernd.

Hallo 2026, ich bin gespannt, was ich aus dir machen werde.

(Übrigens hat mich der Hulot in seinem aktuellen Blogbeitrag erwähnt, und ich liebe es. Es macht mich auch ein bisschen stolz. Wissen Sie? Der Hulot kann richtig gut schreiben, und wenn er mich liest und manchmal sogar erwähnt, dann macht mich das eben stolz. An dieser Stelle möchte ich auch noch einen Lesetipp für das Hosentaschenblog und diesen Beitrag aussprechen. Außerdem wünsche ich mir, dass Piehnat wieder bloggt, weil er Bock darauf hat.)

Dein goldenes Haar Margarete (.longpost)

Was mich heute unglaublich beeindruckt hat ist der Vortrag seiner Todesfuge von Paul Celan, zu hören, zu lesen, zu fühlen. Diese Worte. Für immer.

Der Aufbau erinnert an das musikalische Kompositionsprinzip einer Fuge, in der unterschiedliche Stimmen in Imitationen eines oder mehrerer Themen aufeinander folgen. Wie Dux und Comes in der musikalischen Fuge stehen auch im Gedicht zwei Stimmen einander gegenüber: das „Wir“, der Sprechchor der Opfer, dem „Er“, den Aktionen der Täterfigur. Sie sind in Modifikationen, Variationen und Neuansätzen durchgespielt und so ineinander geschoben und verwoben, dass sich eine „dramatische Struktur“ ergibt „zwischen dem todesmächtigen Meister aus Deutschland und den Juden, die in der Erwartung ihres Todes leben und arbeiten oder musizieren müssen“. Die Konfrontation verschärft sich schrittweise, bis hin zur Vernichtung.

Todesfuge

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Foto des Torhauses, aufgenommen 1945 kurz nach der Befreiung des Vernichtungslagers durch die Rote Armee aus dem Inneren des Lagers durch Stanisław Mucha
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Foto des Torhauses, aufgenommen 1945 kurz nach der Befreiung des Vernichtungslagers durch die Rote Armee aus dem Inneren des Lagers durch Stanisław Mucha
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© 1952 Deutsche Verlags-Anstalt München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Aus: Mohn und Gedächtnis. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 1952 Audioproduktion: Neske 1958
Vermutlich am 20. April 1970 wählt der Dichter den Freitod in der Seine.

Nachtlichtkegel tanzen

Ich bin gerade mit dem alten Gleiter durch die Nacht geschwebt - und was soll ich sagen? Ganz im Gegensatz zum Zeitgeist liebe ich das Autofahren, mein neuer Wagen gleitet durch die Nacht nur so dahin. Er hat ein großartiges Radio was zwar nichts weiter kann, aber immerhin einen mit allerlei Lieblingsmusik betankten USB-Stick abspielen. Und das in schönster Klangqualität. Durch das Glas-Schiebedach bei heutigem Sturmwind die Sterne über mir - fast wie in einer Major-Tom-Rakete durch Endlosigkeit. Europa endlos.

Die Instrumententafel leuchtet warm wie ein Nachtcafé, (Electric Café) Ziffern und Zeiger, atmen im Takt mit dem Motor. Unter mir das leise Pulsieren der Straße, ein gleichmäßiges, beruhigendes Surren — kein Rasen, eher ein Gespräch zwischen Metall und Asphalt. Ein gleiten, ein cruisen. Der Geruch von altem Leder mischt sich mit dem Duft des Wind-Regens, der an den Seitenfenstern entlangrutscht; jede Kurve schreibt eine kleine Geschichte in den Scheinwerferkegel. Ich bin allein. Das Radio spult Lieder ab, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe, und plötzlich sitzen all die alten Orte wieder neben mir auf dem Beifahrersitz: Kinovorführungen, späte Telefonate, ein verschwitztes Festivalzelt. Musik macht aus Kilometerangaben Landschaften, und während ein Bass die Sitzbank vibrieren lässt, merke ich, wie die Nacht ihre Schwere verliert. Die Welt verkleinert sich aufs Glas vor mir und den Streifen Licht, den die Scheinwerfer schneiden — und doch dehnt sich alles gleichzeitig aus, als hätte die Straße Zeit deklariert, überflüssig zu sein.

Manchmal halte ich an, nur kurz, an einer geeigneten Stelle mit fahlem Scheinwerfer oder vollständigem Vantaschwarz und sehe vielleicht andere Nacht-Gesichter: müde manchmal, ein einsamer Jogger, das blinkende Schild einer alten Tankstelle. Dann steige ich wieder ein, das Auto schließt wie ein kleiner Kokon, und ich setze die Fahrt fort — nicht hetzend, eher im Entdecken. Es ist die Sicherheit und Ruhe eines Autowagens in einer ausufernd kaputten Welt der 2020er Jahre. Europa liegt wie eine Karte aus Papier unter mir, Orte, die vorbeiziehen, Namen, die im Radio aufblitzen, und ich weiß: für diesen Augenblick genügt mir das Gleiten, das Summen, das vertraute Klacken eines alten Relais irgendwo im Armaturenbrett.

Das Tor summt und fährt hoch, ächzend, der automobile Kombiwagen wird langsam aber bewusst in die Garage manövriert, bis er richtig steht, richtig geparkt, nicht zu weit, doch platzsparend genug. Die Wärme dampft. Blätter rutschen, Nachtschatten rascheln.

#hommage #autofahren #longpost

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